Stell Dir folgendes Schreckensszenario vor: ein Mann wird im Jahr 1792 bei der französischen Revolution vor Deinen Augen enthauptet. Ist dieser nun auf der Stelle tot? In diesem Beitrag klären wir ein wichtiges Thema, das vielen Ärzten bis heute nicht ganz klar ist. Wann ist man eigentlich tot?

Ein Mann wird gerade geköpft. Ist er nun tot?

Bevor wir diese Frage beantworten werden, erklärt Intensivmediziner Dr. Daniel Pehböck zu allererst, wie der Tod eines Patienten überhaupt definiert wird.

Der Tod – Schwierigkeit einer Definition

Bei Einzellern wird der Tod ganz einfach definiert: sobald die Zelle unwiderruflich geschädigt wird, kommt es zur Lyse. Der Einzeller ist tot. Bei mehrzelligen Lebewesen ist es leider nicht mehr so einfach mit der Definition: erst wenn es zur unumkehrbaren Desintegration lebenswichtiger Systeme kommt, das durch das Absterben einzelner Zellen bedingt sein kann, folgt der Tod.

Es ist leider nicht so einfach, die Grenze zwischen Leben und Tod zu ziehen. Desto weiter man von der Grenzzone zwischen Leben und Tod entfernt ist, desto klarer sind die Unterschiede zwischen Leben und Tod. Desto näher man an der Grenze ist, desto unschärfer wird das Ganze.

Der Tod und das Sterben

Unter Sterben versteht man einen Prozess. Dieser Prozess führt zum Tod. Wie schnell das geht, spielt dabei keine Rolle. Daher ist es auch nicht ganz einfach und selbstverständlich, wann ein Patient nun als tot gilt und wann nicht. Oft lässt sich nämlich ein exakter Zeitpunkt gar nicht so einfach bestimmen.

Der Tod in der Medizin

In der Medizin werden Patienten für tot erklärt, obwohl z.B. das Herz noch schlägt und Organfunktionen in Takt sind. Woran liegt das? Grundsätzlich gilt: sobald das Gehirn und das Rückenmark (= zentrales Nervensystem) vollständig und irreversibel abgestorben sind, wird ein Patient für tot erklärt. Man spricht hier auch vom Hirntod. Zur Feststellung, ob ein Patient hirntot ist oder nicht, gibt es viele verschiedene Möglichkeiten. Meist werden in den Industrieländern mehrere Test zur Feststellung des Todes hintereinander durchgeführt und auch in unterschiedlichen Zeitabständen durch zwei unabhängigen Ärzten.

Definition Hirntod

Bevor die Untersuchung zum Hirntod eingeleitet werden kann, müssen zwei Kriterien erfüllt sein: zum einen muss eine akute primäre oder sekundäre Hirnschädigung vorliegen und zum anderen eine andere Ursachen für den Ausfall der Hirnfunktionen ausgeschlossen werden (z.B. Vergiftungen).

Die Feststellung des Hirntodes erfolgt zum einen nach klinischen und zum anderen nach apparativen Kriterien:

Klinische Kriterien sind:

  • Verlust des Bewusstseins (Koma)
  • die Areflexie des Hirnstammes muss gegeben sein (lichtstarre Pupillen, keine Schmerzreaktion, kein Lidschluss auf Reizung, kein Schluck- oder Hustenreflex). Autonome Reflexe dürfen jedoch erhalten bleiben!

Apparative Kriterien sind:

  • Ein Nulllinien EEG
  • Keine Durchblutung in allen hirnversorgenden Gefäßen (Sonographie, CT, Hirnperfusionsszintigraphie etc.)
  • Der Ausfall der akustischen oder somatosensiblen evozierten Potenziale. Evozierte Potentiale sind hirnelektrische Potentialschwankungen auf akustische (AEP, akustisch evozierte Potentiale) oder elektrische (SEP, somatosensibel evozierte Potentiale) Reize.

Wann kann man den Totenschein ausstellen?

Nach abgeschlossener Hirntoddiagnostik und festgestelltem Hirntod kann ein Totenschein ausgestellt werden. „Festgestellt wird nicht der Zeitpunkt des eintretenden, sondern der Zustand des bereits eingetretenen Todes. Als Todeszeit wird die Uhrzeit registriert, zu der die Diagnose und Dokumentation des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls abgeschlossen sind.“

Ist unser eben gerade enthaupteter Mann nun tot oder nicht?

1 Sekunde nach dem Ereignis:

In unserem makaberen Beispiel ist der eben geköpfte Mann noch nicht tot. Er wurde „lediglich“ gerade geköpft. Eine Sekunde nach diesem tragischen und irreversiblen Ereignis kann dich dieser Mann noch sehen und hören. Er würde auch die Zunge herausgestreckt bekommen, da alle dafür notwendigen Abläufe und Nerven im Schädelbereich liegen. Und aus Sicht des Schädels ist dieser noch in bester Verfassung: das Gehirn ist so gut durchblutet wie noch vor dem Ereignis der Enthauptung. Alle Zellen leben, es gibt biologisch isoliert betrachtet keinen Unterschied zu vorher.

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4 Sekunden nach dem Ereignis:

Der enthauptete Mann spürt einen starken Schlag. Sein Kopf ist eben zu Boden gefallen. Da 4 Sekunden nach dem Ereignis alle Gehirnzellen noch voll in Takt sind, wird er den Sturz bzw. Schlag bei vollstem Bewusstsein mitbekommen.

20-30 Sekunden nach dem Ereignis:

Die Durchblutung des Gehirns ist seit 20 Sekunden nicht mehr gegeben. Sollte der Mann durch den Schlag auf den Kopf noch nicht bewusstlos geworden sein, wird dieser nun langsam aber sicher sein Bewusstsein verlieren. Warum? Weil das Gehirn nicht mehr mit Blut und Sauerstoff versorgt werden kann. Zu diesem Zeitpunkt ist er immer noch nicht tot.

240 Sekunden nach dem Ereignis:

Die Gehirnzellen des geköpften Mannes fangen an zu sterben. Nach 4 Minuten wurde der gesamte Sauerstoffspeicher verbraucht und da Gehirnzellen keine anaerobe Glykolyse betreiben können im Gegensatz zum restlichen Körper, führt diese Tatsache unweigerlich zum irreversiblen Zellverlust und Untergang aller Zellen im ZNS.

360-420 Sekunden nach dem Ereignis:

Der Mann ist tot. Alle Gehirnzellen wurden irreversibel geschädigt. Jetzt gilt er als tot.

Wie schaut es jetzt mit dem restlichen Körper aus?

Alle Zellen leben. Jede Zelle hat umgestellt auf anaerobe Glykolyse und produziert Energie (ATP) auch ohne Sauerstoff. Zur Erinnerung: bei der aeroben Glykolyse enstehen aus Glucose und Sauerstoff 36 ATP, CO2 und Wasser. Bei der anaeroben Glykolyse entsteht hingegen ohne Sauerstoff aus Glucose 2 ATP und Laktat. Das heißt, alle Zellen im Körper deines Patienten können noch lange ohne Sauerstoff überleben, Dank anaerober Glykolyse. Nur das zentrale Nervensystem hat verlernt, anaerobe Glykolyse zu betreiben. Für mich persönlich ist diese Tatsache das größte Wunder in der Medizin! Würde unser Gehirn anaerobe Glykolyse betreiben können, würde Notfallmedizin heute ganz anders aussehen: Patienten würden trotz Herzstillstand z.B. in aller Ruhe in die Klinik gefahren werden können, man hätte sozusagen fast ewig Zeit, mit der Reanimation zu starten. Warum unser Gehirn keine anaerobe Glykolyse betreiben kann, wird für immer ein Rätsel bleiben. Es gibt dafür keine mir bekannte logische Erklärung.

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Wann ist ein Patient nicht tot?

Wenn ich in meinen notfallmedizinischen Fortbildungen frage, wann ein Patient tot ist, höre ich so gut wie jede Woche mindestens einmal als Antwort: „wenn das Herz aufgehört hat zu schlagen!“ Das ist schlicht und ergreifend falsch.

Wenn Du jetzt einen Herzkreislaufstillstand erleiden würdest, bist du noch nicht tot. Sollte dich aber niemand anfangen zu reanimieren, wirst du leblos am Boden liegend in den nächsten 4-5 Minuten tot sein. Warum ist ganz einfach: dein Gehirn würde ohne hochwertige Druckmassage nicht mehr durchblutet werden und auch nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden können. Daher werden die Gehirnzellen innerhalb von 4-5 Minuten irreversibel geschädigt sein. Sollte man Dich jedoch hochwertig und effektiv reanimieren, wirst du in den nächsten 4-5 Minuten nicht sterben, da Dein Gehirn ja dank hochwertiger Druckmassage ausreichend durchblutet und mit Sauerstoff versorgt wird.

Fazit

Das Phänomen Tod fasziniert seit jeher die Menschheit und beschäftigt Religionen seit Anbeginn. Damit Du jedoch in Zukunft genau weißt, was bei lebensbedrohlichen Herzkreislaufstillständen zu tun ist, empfehle ich Dir unseren ACLS Kurs. Dort lernst Du nicht nur ein Team zu führen, sondern auch, auf was es bei jeder Reanimation wirklich drauf an kommt, damit Dein Patient die bestmöglichen Überlebenschancen hat. Ich freue mich auf ein persönliches Kennenlernen!

Ja, ich bin an einem ACLS Kurs interessiert. 

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