Stell dir folgendes Horror-Szenario vor: Du wirst zu einem Kinder-Notfall gerufen. Ein Neugeborenes atmet nicht. Deine Aufgabe ist es, das Baby wiederzubeleben.

Auch wenn Kinder bis zum 28. Lebenstag als Neugeborene gelten, gibt es je nach Notfallzeitpunkt Unterschiede in der Reanimation. Die richtige Vorgehensweise hängt davon ab, ob das Kind gerade auf die Welt gekommen oder bereits einige Stunden alt ist.

Wir haben in diesem Beitrag diese Unterschiede für dich zusammengefasst und zeigen dir, wie du in beiden Fällen richtig und guideline-konform handelst.

#1: Reanimation unmittelbar nach der Geburt

Zuerst die Theorie

Stell dir vor: Eine Frau hat soeben ein Kind auf die Welt gebracht, doch es atmet nicht. Woran liegt das?

Zu 99% liegt es daran, dass das Kind Probleme hat, seinen fetalen Blutkreislauf auf den adulten umzustellen.

Zur Erinnerung: Beim fetalen Blutkreislauf werden die Lungen nur minimal durchblutet und nicht belüftet. Ein Teil des Blutes rinnt beim Neugeborenen vom rechten Vorhof in den linken Vorhof via Foramen ovale, ein weiterer Teil rinnt vom Truncus pulmonalis via Ductus arteriosus in die Aoarta.

Sobald das Kind geboren wurde, schließen sich Foramen ovale und Ductus arteriosus und das Blut kann erstmals durch beide Lungen fließen. Durch die 1. Einatmung wird die Lunge eröffnet und der adulte Kreislauf kann beginnen.

Schritt-für-Schritt-Anleitung zur erfolgreichen Reanimation

Soviel zur Theorie, doch kommen wir zur Ausgangssituation zurück: Du wirst in den Kreissaal gerufen, weil das neugeborene Kind nicht effizient atmet. Was musst du tun?

Hier dein Schritt-für-Schritt Leitfaden:

1) Taktile Stimulierung: Rubble das Neugeborene mit einem Tuch ab und bewahre Ruhe. Manchmal braucht es etwas länger, bis die Kinder sich adaptieren.

Achtung: Es ist nicht ausschlaggebend, ob ein Kind schreit oder nicht. Achte daher nur auf effiziente Thoraxbewegungen!

2) Monitoring: Das Kind sollte auf jeden Fall monitorisiert werden. Am besten verwendest du ein Pulsoxymeter. Achte auf Herzfrequenz und Sauerstoff-Sättigung.

Das musst du wissen: Sauerstoffsättigungswerte von 90% sind bei einem Neugeborenen normal. Also nicht als Notarzt panisch werden und Sättigungswerte eines Erwachsenen erwarten!

3) Blähen der Lunge: Sollte das Kind immer noch nicht atmen und sich bläulich verfärben, musst du die Lungen mit einem Beatmungsbeutel blähen und so versuchen, die Alveolen zu eröffnen.

Das anfängliche Aufblähen der Lungen dient dem Neugeborenen als Hilfestellung, damit sich die Lungen leichter entfalten können.

Mache dabei langsame und tiefe Beatmungshübe. In der Regel kannst du mit Lungenblähungen die Lungen eröffnen, sodass das Kind adaptiert und mit suffizienten Atemzügen beginnen kann.

Woran erkennst du, ob sich die Gesamtsituation bessert? Ganz einfach: Das erkennst du an der schneller werdenden Herzfrequenz und an der steigenden Sauerstoffsättigung.

Zur Erinnerung: Neugeborene haben eine Herzfrequenz von ca, 160 Schlägen pro Minute. Wenn die Kinder bradykard werden (z.b. 100 Schläge pro Minute), spricht das für einen Sauerstoffmangel.

Vorsicht: Wenn sich der Brustkorb des Kindes hebt und trotzdem die Herzfrequenz unter 60 Schläge pro Minute fällt, wird es gefährlich.

Dann musst du sofort mit der Reanimation beginnen. Bei einem Kind steht beim Life Support im Gegensatz zum Erwachsenen ganz klar die Beatmung im Vordergrund.

4) Neutralposition des Kopfes: Im Gegensatz zum erwachsenen Patienten darfst du beim Neugeborenen den Kopf nicht überstrecken. Während der Beatmung muss dieser in der Neutralposition liegen. Mache jetzt einen Beatmungshub mittels kleinem Beatmungsbeutel. Verabreiche nur so viel Luft, dass sich der Brustkorb hebt und senkt – nicht mehr und nicht weniger.

5) 3-mal auf das Brustbein drücken: Dafür stehen dir 2 Varianten zur Verfügung: Entweder stehst du seitlich vor dem Kind und drückst mit Zeige- und Mittelfinger zusammen auf das Brustbein oder du umschließt den Brustkorb mit beiden Händen und drückst mit deinen zwei Daumen auf das Brustbein.

Dabei musst du schnell und tief drücken. Das heißt: du drückst ca. 120-mal pro Minute schnell und ca. 1/3 des Thoraxdurchmessers tief.

6) 1-mal Beatmen:  Anschließend wird das Neugeborene erneut 1-mal beatmet und wieder 3x herzdruckmassiert.

Tipp: Die Reanimation sollte hier reibungslos laufen, was einfacher ist, als gesagt. Es kommt nun auf das richtige Timing an. 3x Drücken und 1x Beatmen ist selbst für zwei eingespielte Profis äußerst schwierig und muss ständig  geübt werden. Im PALS-Kurs kannst du Neugeborene so lange reanimieren, bis jeder Handgriff sitzt.

#2: Reanimation einige Stunden nach Geburt

Leider sind die Leitlinien nicht ganz eindeutig. Das ERC betrachtet ein Baby, was den Kreissaal verlassen hat als Säugling und somit wird mit 15 Herzdruckmassagen und 2 Beatmungen begonnen. Bei einem bewusstlosen Säugling gilt immer der 15:2 – Ablauf, auch wenn ein Fremdkörper als Ursache vermutet wird.

Die AHA betrachtet das Baby auch noch die ersten Tagen auf der Station als Neugeborenes: also wären 3 Herdruckmassagen im Verhältnis zu einer Beatmung AHA konform.

Unser Tipp: beziehe immer die klinische Beurteilung mit ein und denke daran, dass bei der Neugeborenen-Reanimation eine alleinige Beatmung oft ausreichend ist.

Fazit: Auf das richtige Timing kommt es an

Wir hoffen, dir mit unserem Beitrag die unterschiedliche Vorgehensweise bei der Reanimation von Neugeborenen verständlich aufgezeigt zu haben. Je nach Ausgangslage (unmittelbar nach der Geburt oder nur paar Tage nach Geburt) musst du entscheiden, wie du das Kind reanimierst.

Beim Reanimieren kommt es dabei immer auf das richtige Timing an. Wie du das hinbekommst, kannst du auf unseren PALS – Kursen so lange üben, bis du es perfekt beherrschst.

Klicke einfach auf den nachfolgenden Link oder auf den roten Button:
https://simulationtirol.com/mediziner/pals-kurs/

Ja, ich möchte das perfekte Timing beim Reanimieren üben!

Foto: © Martin Valigursky – fotolia.com