Mehr als 800 Ärzte & Fachkräfte sind 2017 durch Simulation.Tirol sattelfester in den aktuellen Guidelines und in der Erstversorgung eines Notfallpatienten geworden. Jedoch steht in der Medizin fest: Die Wahrheit von gestern kann morgen schon falsch sein. Daher wollen wir hier 2 Fragen nachgehen: Was sind die Erkenntnisse aus den medizinischen Notfällen der jüngsten Vergangenheit? In welche Richtung werden sich die Guidelines von ERC und AHA vermutlich bald verändern?

Thema #1: Adrenalin alle 3-5 Minuten 1 mg – Ist das wirklich das Bestmögliche?

Die aktuellen AHA & ERC Guidelines besagen: Bei einer Reanimation musst du alle 3-5 Minuten 1 mg Adrenalin beim Erwachsenen verabreichen.

Dabei spielt es keine Rolle, ob du meine 50-Kilogramm schwere Frau oder mich (90 Kilogramm schwerer Mann) reanimierst. Kann das wirklich sein, dass für den doppelt so schweren Menschen die gleiche Dosis das perfekte Mittel ist?

Adrenalin galt lange zeit als DAS Notfallmedikament. Die Idee: Es kontrahiert die Herzkranzgefäße. Der coronare Perfusionsdruck soll dadurch erhöht werden und das Herz soll so mehr Sauerstoff erhalten.

Was sehen wir gerade? Das Gegenteil ist der Fall. Adrenalin bringt augenscheinlich nicht immer die Vorteile, die wir Notfallmediziner uns erhofft haben.

Die Lösung ist differenzierter: In der Anaphylaxie ist und bleibt Adrenalin DAS Medikament der Wahl. Ob es auch beim Herzstillstand ab 2020 alle 3-5 Minuten angewandt werden muss, wird sich erst zeigen.

Meine Einschätzung: Ab 2020 wird Adrenalin nur noch in Spezialsituationen angewandt werden (Anaphylaxie, starker Blutdruckabfall etc.). Jedenfalls hoffe ich, dass es bei der Reanimation nicht mehr für alle erwachsenen Patienten gleich – ob 50kg oder 100kg – stur 1mg Adrenalin heißt.

Was solltest du tun? Heute – also im Jahr 2018 – musst du als Arzt guidelinekonform handeln. Das heißt: Du musst alle 3-5 Minuten beim Erwachsenen Adrenalin verabreichen. Alleine schon aus forensischer Sicht. ABER: Bitte behalte die Guidelines stets im Auge. Wir versuchen es dir möglichst leicht zu machen, indem wir immer aktuell über Änderungen berichten werden. Daher solltest du in jedem Fall regelmäßig hier im Blog vorbeischauen ;).

Bei Kindern geben wir ja heute auch 10µg/kg Körpergewicht – warum also nicht ab 2020 auch beim Erwachsenen gewichtsadaptiert?

Thema #2: Amiodaron erst nach dem 3. Schock – Ist das zu spät?

Die aktuellen AHA & ERC Guidelines besagen: Bei einer Reanimation musst du bis zum 3. erfolglosen Schock warten, bevor du Amiodaron geben darfst. Und nach dem 3. erfolglosen Schock sollst du exakt 300 mg Amiodaron (Sedacoron) geben.

Was sehen wir gerade? Aktuelle Tierversuche zeigen, dass bessere Überlebenschancen bestehen, wenn Amiodaron sofort nach Erkennen des Kammerflimmerns gegeben wird und nicht erst nach dem 3. Schock.

Meine Einschätzung: Die Erfahrung zeigt, Adrenalin ist nicht mehr immer die richtige Lösung (siehe Thema#1). Dagegen zeigen Versuche, dass eine frühere Behandlung mit Amiodaron Vorteile zu bringen scheint. Daher glaube ich, dass ERC & AHA reagieren werden und ab 2020 Amiodaron dann für den sofortigen Einsatz bei der Reanimation vorschreiben, wenn weitere Versuche diese Ergebnisse bestätigen. Das Warten bis zum 3. erfolglosen Schock wird vermutlich fallen.

Was solltest du tun? Heute – also im Jahr 2018 – musst du als Arzt unbedingt noch Adrenalin geben und mit Amiodaron warten. Denn das verlangen die Guidelines von dir und daran musst du dich halten. Andernfalls kann das juristische Konsequenzen für dich haben.

ERC und AHA werden genau beobachten, was bei den weiteren Versuchen und Testreihen bis 2020 herauskommt und dann entsprechend reagieren. Die Forschungsergebnisse und die neuen Guidelines müssen wir aber unbedingt abwarten. Natürlich halten wir dich hier im Blog über alle Änderungen auf dem Laufenden.

Thema #3: Schulungen der Allgemeinheit

Wusstest du, dass du bei einem Herzinfarkt in der vermutlich reichsten Straße der Welt (der Wall Street) einen beobachteten Herzstillstand nur zu ca. 5% unbeschadet überleben wirst? Wusstest du, dass auch bei uns in Mitteleuropa diese Quote nicht besser ist? Wusstest du, dass es aber erheblich besser geht?

Das glaubst du nicht? Das ist aber so! In Seattle überleben 62 % (das sind mehr als 6 von 10 Personen) im Durchschnitt einen beobachteten Herzkreislaufstillstand auf der Straße unbeschadet. Warum ist das so? 1. Die Stadt hat in großer Anzahl an öffentlichen Plätzen und Straßen Defibrillatoren installiert. Zusätzlich ist die Bevölkerung jährlich zu Erste Hilfe Kursen verpflichtet. Dort lernt schon jeder Schüler den Umgang mit einem halbautomatischen Defibrillator und übt es jedes Jahr.

Wieso ist das so wichtig? Ob wir als Notärzte, Notfallsanitäter oder Fachkräfte im Krankenhaus Adrenalin geben, intubieren oder sonstige Maßnahmen ergreifen – die maßgebliche Überlebenschance steht und fällt mit der Qualität des Basic Life Supports vom Ersthelfer. Ohne Ersthelfer kann der beste Notarzt nichts mehr tun.

Meine Einschätzung: Wenn wir hier maßgeblich Verbesserungen erreichen wollen, müssen wir versuchen auf die politischen Entscheidungsträger einzuwirken, ähnliche Maßnahmen wie in Seattle zu ergreifen.

Stell dir die Möglichkeiten vor, wenn jeder regelmäßig lernt, wie er richtig drückt, beatmet und schockt. Und dabei vielleicht nur 100 Meter zum nächsten Defibrillator laufen muss. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir eine Überlebenschance wie in Seattle auch in Mitteleuropa erreichen können…

Fazit: Bleibe Up-to-Date und versuche auf deine Umwelt einzuwirken

Während wir alle gemeinsam darauf achten müssen, dass wir in der Notfallmedizin gut ausgebildet sind (betrifft vor allem Ärzte, Sanitäter und Fachkräfte), müssen wir auch unsere Möglichkeiten wahrnehmen, unser Umfeld positiv für das Thema Erste Hilfe zu sensibilisieren.

Up-To-Date bleiben kannst du in den Notfall-Guidelines ganz leicht als Leser hier im Blog. Und am besten besuchst du dazu auch entsprechende Fortbildungen und Kurse.

Unser Notfallmedizin-Fortbildungsprogramm umfasst:

Ich hoffe, dir mit diesem Beitrag in die wichtigsten Themen und möglichen Veränderungen in der Notfallmedizin Einblick gegeben zu haben. Falls du als Arzt, Sanitäter oder medizinische Fachkraft nun Lust auf eine guideline-Auffrischung bekommen hast, so freue ich mich über eine Anmeldung von dir. Für detaillierte Informationen über unser Kursangebot klicke einfach unter diesen Zeilen auf den roten Button: https://simulationtirol.com/mediziner/

Ja, ich will mehr über Notfallmedizin-Kurse wissen!

© benjaminnolte

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