Jeder Arzt sollte in seinem Notfall-Koffer bestimmte Medikamente für den Ernstfall vorrätig haben. Viele Mediziner sind jedoch nicht ganz sicher, welche Medikamente es unbedingt braucht. Welche 4 Notfall-Medikamente du jedoch immer auf Lager haben solltest, möchte ich dir in diesem Beitrag genauer erklären.

Die 4 wichtigsten Notfall-Medikamente

Adrenalin

Adrenalin oder Epinephrin ist wohl das bekannteste Notfallmedikament. In den aktuellen AHA und ERC-Guidelines wird die Gabe von Adrenalin in der Reanimation alle 3-5 Minuten empfohlen.

Adrenalin ist indiziert bei:

  • der kardiopulmonale Reanimation (Herz-Lungen-Wiederbelebung)
  • der Anaphylaxie ist es DAS Medikament der Wahl
  • beim Schock (septisch, anaphylaktisch und kardiogen)
  • einem schweren Asthma Anfall
  • starken Blutungen zur Blutstillung

Adrenalin hat zahlreiche Wirkungsweisen:

  • Gefäßverengung (Vasokonstriktion), Erhöhung des Gefäßwiderstandes und des Blutdrucks
  • Gefäßerweiterung (Vasodilatation) im Skelettmuskel und an den Herzkranzgefäßen
  • Steigerung von Kontraktionskraft (positiv inotrop) und der Herzfrequenz (positiv chronotrop)
  • Entspannung der glatten Muskulatur des Darms, der Harnblase (Harnretention), des Uterus und der Bronchien
  • Erweiterung der Bronchien
  • Steigerung von Grundumsatz, Blutzuckerspiegel, Glykogenolyse und Lipolyse
  • Hemmung von Insulinsekretion und Histaminfreisetzung
  • Pupillenerweiterung und Reduzierung des Augeninnendrucks

Dosierung und Anwendung: Es kann intravenös, intraossär und selten auch intrakardial (bei Herzstillstand) verabreicht werden. Daher solltest du es immer als Injektionslösung oder als Autoinjektor (z.B. EpiPen) bei dir haben. Adrenalin hat eine schnelle, aber kurze Wirkungszeit von 3-5 Minuten, deshalb gilt für dich: Immer genug auf Lager haben bis die Rettung kommt und bei Bedarf erneut verabreichen. Bei schwerer Anaphylaxie wird meist im Verhältnis 1:10 mit 0,9% Natriumchloridlösung verdünnt. Bei Reanimation wird alle 3-5 Minuten 1mg beim Erwachsenen verabreicht (= nach jedem 2. Zyklus).

Kontraindikationen bei der Verabreichung von Adrenalin sind: schwere Hypertonie, Tachyarrhythmien, Hyperthyreose, Engwinkelglaukom, schwere KHK.

Amiodaron

Amiodaron ist hauptsächlich ein Klasse-III-Antiarrhythmikum (Kaliumkanalblocker) und ist eines der wichtigsten Medikamente zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Der Kaliumstrom wird bei Verabreichung während der Repolarisation gehemmt und damit das Aktionspotential verzögert gebildet (negativ chronotrop und dromotrop).

Die Einsatzgebiete von Amiodaron liegen bei

  • behandlungsbedürftigen tachykarden ventrikulären Herzrhythmusstörungen: Die Behandlung erfolgt häufig in Kombination mit Beta-Blockern und findet bei Patienten Anwendung, bei denen andere Arrhythmika nicht greifen
  • behandlungsbedürftigen tachykarden supraventrikulären Herzrhythmusstörungen: Dazu gehört die AV-junktionale Tachykardie, supraventrikuläre Tachykardie beim WPW-Syndrom und das paroxymale Vorhofflimmern
  • pVT, Kammerflimmern, kardiopulmonaler Reanimation nach dem 3. Schock

Dosierung und Anwendung: Es werden nach dem dritten, nicht erfolgreichen Schock 300mg verabreicht. Bei Bedarf können weitere 150mg nach dem fünften Schock verabreicht werden. Bei einer instabilen Breitkomplextachykardie nach dreimaliger und erfolgloser Kardioversion werden 300mg über 10-20 Minuten und danach 900mg innerhalb von 24 Stunden gegeben. Bei einer stabilen, rhythmischen Breitkomplextachykardie werden 300mg über 20-60 Minuten und danach 900mg innerhalb von 24 Stunden gegeben.

Die Kontraindikationen sind: eine Hyperthyreose ( = Schilddrüsenüberfunktion), eine Jodallergie (Amiodaron ist ca. 37% an Iod gebunden) oder bradykarde Herzrhythmusstörungen. Hier sollte keine Behandlung mit Amiodaron erfolgen.

Ketamin

Ketamin (oder S-Ketamin) ist ein chirales Arylcyclohexylamin und wird zur Schmerzbehandlung in der Medizin und zur Analgosedierung in der Anästhesie eingesetzt. Das Einsatzgebiet bezieht sich vor allem auf

  • Intubation bei einem therapieresistenten Status asthmaticus (bronchienerweiternd)
  • Schmerztherapie (Analgesie) von intubierten Intensivpatienten und bei Kindern
  • Sedierung in der Notfallmedizin
  • Anästhesie von Patienten mit niedrigem Blutdruck
  • bei Verbrennungen, eingeklemmten Patienten, Trauma

Dennoch ist erhöhte Vorsicht geboten bei Verletzungen im Kopfbereich, weil Ketamin einen erhöhten Augen- und Hirndruck verursacht. Trotzdem darfst du ein schweres Schädel-Hirn-Trauma mit Ketamin einleiten.
Ebenso solltest du bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und schweren psychischen Problemen achtsam sein. Bitte verwende Ketamin nur zurückhaltend bei Patienten mit Bluthochdruck oder einer Schilddrüsenüberfunktion.

Dosierung und Anwendung: Die therapeutische Dosis ist abhängig von der Zielsetzung, der Co-Medikation und der Kreislaufsituation. Jedoch wird bei der Schmerzbehandlung 0,25 bis 1,0 mg pro Kg Körpergewicht empfohlen. Zur Narkoseeinleitung wird bei intravenöser Gabe (Wirkung nach 30 Sekunden) 1-2 mg pro Kg Körpergewicht benötigt und bei intramuskulärer Verabreichung 4-6 mg pro Kg Körpergewicht.

Tipp: Gib deinem Patienten zusätzlich Benzodiazepine, um ein alptraumartiges Aufwachen und Halluzinationen zu vermeiden.

Dipidolor

Dipidolor enthält den Wirkstoff Piritramid und ist ein Opioid Abkömmling, welcher häufig im Rettungsdienst verwendet wird. Es wird für starke und sehr starke Schmerzen angewendet. In Relation zu Morphin weist es geringere Nebenwirkungen auf und hat eine längere Wirksamkeit. Nach 4-6 Minuten tritt die Wirkung ein. Die mittlere Wirkungsdauer beträgt 4-6 Stunden. Es wird subkutan oder intramuskulär, in dringenden Fällen intravenös verabreicht. Piritramid wird bei Tumorschmerzen, präterminalen und postoperativen Schmerzen, bei traumatischen Schmerzen und anderen Schmerzzuständen verabreicht.

Dosierung und Anwendung: Die Dosis beträgt für Erwachsene zwischen 15 und 30 mg (intravenös 7,5 bis 22,5 mg), für Kinder gelten gewichtsorientierte Dosierungen zwischen 0,05 und 0,2mg pro Kg Körpergewicht (intravenös 0,05 bis 0,1 mg).

Absolute Kontraindikationen sind:

  • das Säuglingsalter
  • komatöse Patienten
  • bei aktuer hepatischer Porphyrie ( = Stoffwechselerkrankungen)
  • Krankheitzustände, bei denen eine Atemdepression vermieden werden sollte.

Was sind deine 4 wichtigsten Notfall-Medikamente?

Wir haben dir nun unsere vier Favoriten der Notfall-Medikamente genannt und begründet. Auf welche Medikamente greifst du im Notfall am liebsten zurück und wieso? Wir freuen uns über Deine Kommentare!

Fazit

Wenn Du die richtige Verabreichung und Dosierung von diversen Notfallmedikamenten lernen möchtest, empfehlen wir dir unseren ACLS Kurs. Dort frischt du nicht nur aktuelle Leitlinien praxislastig auf, sondern lernst mit Medikamenten umzugehen.

Ja, ich möchte die Verabreichung von Notfallmedikamenten am Simulator trainieren! 

Photos: Istock © wakila

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