Das „Don’t-Smoke“-Volksbegehren in Österreich nehmen wir uns zum Anlass, um uns mit medizinischen Rauchernotfällen auseinanderzusetzen: Was sind die häufigsten medizinischen Notfälle bei Rauchern und wie solltest du als Arzt richtig reagieren?

#1 Herzinfakt – Achtung: Neue Leitlinen der ESC seit Mitte 2017

Der medizinische Notfall Nummer 1 bei Rauchern ist der Herzinfarkt. Wenn du einen Herzinfarktpatienten vor dir hast, musst du schnell handeln. Hier einmal die wichtigsten Schritte für dich zusammengefasst:

1. Diagnose richtig stellen – gehe sicher, dass es sich um einen Herzinfarkt handelt und stelle fest um welche Art von Herzinfarkt.

2. Erhebe schnell eine Anamnese: Gibt es kardiale Vorerkrankungen, nimmt dein Patient Herzmedikamente…

3. Behandle Schmerzen und Luftnot: Achtung, hier haben sich die Leitlinien der europäischen kardiologischen Gesellschaft (ESC) geändert! Kein Sauerstoff mehr über 90% Sauerstoffsättigung.

4. Transport in die Klinik – aber in die richtige! Das Risiko eines plötzlichen Kammerflimmerns ist zu groß, daher solltest du reanimationsbereit ins nächste Krankenhaus mit Herzkatheter-Labor fahren. Steuere hier kein zu kleines Spital an, denn es braucht unbedingt eine Spezialklinik mit Herzkatheter Labor!

5. Verwende die richtigen Medikamente: Kein Nitro mehr, Aspirin so schnell wie möglich, ADP sollte die Regel sein (Clopidogrel nur in bestimmten Fällen), Heparin (achte auf die Dosis!).

6. Wenn du 120 Minuten lang kein Krankenhaus erreichen wirst (in der EU fast nie!), dann solltest du nach 10 Minuten mit der Fibrinolyse starten.

Dem Thema richtige Reaktion bei einem Herzinfarkt haben wir für dich einen ganzen Beitrag gewidmet: „Neue Leitlinien der ESC für die Behandlung von Stemi Infarkt“, beschreibt dir ausführlich alle Maßnahmen und Änderungen durch die Leitlinien der ESC. Diese werden 2020 auch in den Notfallmedizin-Guidelines der ERC und der AHA Niederschlag finden.

#2 Schlaganfall: Vorsicht! Nicht den Blutdruck zu aggressiv senken

Rauchen gilt als Hauptursache Nummer eins für Arteriosklerose. Einfach ausgedrückt: Die Bildung der Plaques in den arteriellen Gefäßen wird durch das Rauchen gefördert und verstopft zunehmend mehr Gefäße. Auch die damit bedingte zunehmende Starrheit der Gefäße macht die Blutdruckregulation für deinen Patienten am Ende unmöglich.

Wie kommt es beim Raucher also zum Schlaganfall? Ein solcher Plaque bricht weg und verstopft ein Gefäß. Oder: Es sammeln sich solange Plaques an, bis das Gefäß komplett verschlossen ist und das dahinter liegende Areal nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt werden kann.

Das größte Problem beim Schlaganfall ist jedoch, diesen rasch zu erkennen. Die Symptome können vielfältig sein: die betroffene Person ist beispielsweise auf einmal sehr ruhig, spricht nicht mehr, oder leidet plötzlich unter Gesichtsfeldausfällen. Leichte motorische Einschränkungen oder der plötzliche Verlust des Geruchssinns können auch Hinweise für einen Schlaganfall sein.

Das kann für Laien unmöglich und auch für Profis extrem schwierig zu erkennen sein.

Wie handelst du nun richtig?

1. Time is Brain – deutsch: Zeit ist Gehirn. Dieser Leitsatz soll verdeutlichen, dass es um jede Minute geht. Je schneller du den Patienten in die Klinik bringst, desto schneller kann das Gefäß wieder eröffnet werden und desto eher wird das Hirnareal gerettet. In der Klinik können die Gefäße mit Hilfe von Kontrastmitteln analysiert werden. Mit der richtigen Behandlung können sie im Idealfall wieder eröffnet werden.

2. Load & Go – deutsch: Einpacken und losfahren. Dieser Leitsatz schließt direkt an den ersten. Es bedeutet: Du solltest bei einem Schlaganfall so schnell wie möglich den Patienten sichern und mit ihm in die Klinik fahren, denn „Time is Brain“.

3. Blutdruck nicht senken: Dein Patient wird vermutlich panisch werden, bemerkt er oder sie neurologische Ausfälle. Im Normalfall würdest du vermutlich dazu übergehen, diesen Patienten zu beruhigen und ihm medikamentös den Blutdruck zu senken. Das ist hier aber nicht richtig! Denn unsere Hoffnung bei einem Schlaganfall ist es, dass Umgehungskreisläufe die Versorgung den Gehirns aufrecht erhalten können. Wenn du den Blutdruck zu aggressiv senkst, dann funktionieren die Umgehungskreisläufe schlechter.

4. Hinlegen, um den Fluss im Kopf zu steigern: Dieser Punkt schließt direkt an den vorhergehenden an. Wenn wir stehen ist der Blutdruck automatisch in den Beinen am höchsten und im Kopf am niedrigsten. Da dies schlecht für die Umgehungskreisläufe ist, versuchen wir den Blutfluss in der Kopfregion sogar noch zu steigern. Wenn dein Patient es zulässt (das ist leider nicht immer der Fall!), dann versuche ihn hinzulegen.

5. Vorsicht bei Gerinnungshemmern: Handelt es sich bei deinem Patienten um einen Schlaganfall oder doch um eine Hirnblutung? Verabreichst du bei Verdacht auf eine Thrombose zum Beispiel einen Gerinnungshemmer, so hilft es deinem Patienten bei einem Schlaganfall, schadet ihm aber bei einer eventuellen Hirnblutung (Differenzialdiagnose). Ich würde dir empfehlen: ruf am besten den aufnehmenden Neurologen in der Klinik an, zu dem du deinen Patienten jetzt bringst. Beschreibe ihm direkt deinen Fall zum Beispiel in dieser Art: „Patient ist männlich, 55 Jahre alt, übergewichtig und seine Frau erzählte, dass er Kettenraucher ist. Verdacht auf Schlaganfall. Anfahrtszeit ins Krankenhaus 7 min.“ Dann weiß dein Kollege Bescheid und ihr könnt gemeinsam eine gute Entscheidung treffen.

#3 Atemnot – Warnung vor Sauerstoffgabe bei COPD

Erstickungsangst ist ein häufiger Notfall bei starken Rauchern. Wir sprechen dann von akuter Luftnot oder schwerer COPD (chronisch optruktiver pulmonal Disease). Das Problem deines Patienten besteht meist aus akuter Atemnot, viel Auswurf und starkem Husten. Ursachen sind zum einen die obstruktive Bronchitis und zum anderen das Lungenemphysem.

Das bedeutet für deinen Patienten, dass in der Lunge immer weniger Gasaustauschfläche zur Verfügung steht.

Als Notarzt musst du richtig handeln, denn dein Patient droht zu ersticken:

1. Achtung mit großzügiger Sauerstoffgabe: Im Normalfall würdest du nun einfach Sauerstoff zuführen. Bei einem Raucher musst du diesbezüglich aber aufpassen. Schwerkranke Raucher haben ihren Atemantrieb nämlich nicht mehr über den CO2-Gehalt in Ihrem Körper, sondern über den Sauerstoff-Partialdruck. Wenn du einem Raucher mit Atemnot zuviel Sauerstoff zuführst, denkt sein Körper: „Ich habe genug Sauerstoff. Ich kann zu atmen aufhören.“ Das ist ja genau das Gegenteil von dem, was du erreichen willst.

2. Lindere den Stress deines Patienten: Wenn dein Raucher unter akuter Atemnot leidet, dann wird er panisch. Das heißt er atmet noch flacher und noch schneller. Du musst ihn daher beruhigen, damit er konsequent, langsam tief ein- und ausatmen kann. Dafür kannst du ihm ein wenig Morphium verabreichen. Pass aber hier auf, dass du dieses nicht überdosierst. Zuviel Morphium macht atemdepressiv.

3. Medikamente für die Bronchienerweiterung: Solche Medikamente können sinnvoll sein. Du darfst dir aber nicht zuviel erwarten, da viele Raucher bereits regelmäßig solche Medikamente mehrmals täglich anwenden (z.B.: in Form von Sprays). Ein Versuch mit einem Beta2-Sympatomimetikum intravenös ist es aber wert.

4. Keine invasive Beatmung – wenn möglich: Dieser Punkt ist wirklich wichtig. Eine Intubation zieht in vielen Fällen endlos lange Weaningzeiten nach sich oder macht ein Weaning gar unmöglich. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass dein Patient nicht mehr vom Tubus loskommt. In der Regel bekommen diese Patienten an der Beatmungsmaschine irgendwann eine Lungenentzündung und viele von ihnen versterben. Als Notarzt solltest du einen schwerkranken Raucher mit Atemnot daher lieber mit einer dicht sitzenden Maske nicht invasiv beatmen, anstatt ihn gleich zu intubieren. (NIV Beatmung). Wie das geht, lernst du unter anderem am Atemweg-Symposium.

5. Abtransport in die nächste Klinik: Du kannst prähospital nur bedingt helfen. Hast du deinen Patienten beruhigt und kannst ihn ausreichend oxygenieren, solltest du ihn schnell in die nächste Klinik fahren. Dort übergibst du ihn an deinen Kollegen, der mit Sicherheit einen Platz auf einer Intensiv-Station anmelden wird müssen.

Fazit: Mehr Raucher bedeuten mehr Notfälle

Rauchen gilt als Hauptursache für die oben genannten medizinischen Notfälle. Wir vom Simulation.Tirol-Team halten das „Don’t-Smoke“-Volksbegehren für sehr sinnvoll, da wir hoffen, dass so weniger junge Menschen in Zukunft in diese Notsituationen geraten.

Als kleines abschreckendes Beispiel möchte ich auf dieses Video verweisen, das man meiner Meinung nach nicht oft genug teilen kann:

Für uns als Notärzte gilt jedoch auch noch in den nächsten Jahrzehnten: Notfälle durch Rauchen wird es immer wieder geben und wir müssen darauf vorbereitet sein. Ich hoffe, dir mit diesem Beitrag etwas geholfen und dein notfallmedizinisches Wissen wieder aufgefrischt zu haben.

Willst du solche Fälle wie oben beschrieben einmal lebensecht im „Trockentraining“ üben? Dann haben wir mit dem ACLS- & ALS-Kurs genau den richtigen Workshop für dich. Informiere dich einfach hier über unsere Trainingsschwerpunkte: https://simulationtirol.com/mediziner/als-kurs/

Ja, ich will solche Fälle im ALS-Kurs trainieren!

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