„Unfallopfer stirbt an Fehlintubation“. Eine Schlagzeile, über die du sicherlich schon gestolpert bist. Als Mediziner an solch einem Schreckens-Szenario beteiligt zu sein, wünscht sich bestimmt keiner von uns.

Obwohl die Intubation heutzutage als Standardmethode zur Atemwegssicherung gilt, sind selbst die erfahrensten Ärzte nicht davor gefeit, den Tubus falsch einzuführen.

Welche Anzeichen für eine Fehlintubation sprechen und wie du zeitnah und guideline-konform reagierst, haben wir für dich in diesem Beitrag zusammengefasst.

#1: Zuerst die Theorie: Intubation als Präventivmaßnahme

Wir Notärzte intubieren bewusstlose Patienten meistens sehr schnell, da wir immer davon ausgehen müssen, dass der Patient nicht nüchtern ist. Somit hat unser Patient keine Schutzreflexe mehr und könnte Erbrochenes leicht aspirieren.

Das Problem dabei: Aspiriert dein Patient Erbrochenes bzw. Magensaft, werden Atemwege blockiert: Ein Erstickungstod droht. Läuft Erbrochenes zudem in die Lunge, kann es starke Entzündungsreaktionen oder schlimmstenfalls eine Lungenentzündung hervorrufen.

Bei der Intubation wird der Tubus (= Beatmungsschlauch) also präventiv in die Luftröhre des Patienten eingeführt. Du versuchst damit die Atemwege deines Patienten zu sichern, sodass er nicht mehr aspirieren kann.

Der klassische Tubus besitzt am Ende einen Ballon, den sogenannten Cuff. Dieser dichtet die Trachea vollständig ab, damit Erbrochenes oder andere Sekrete nicht in die Atemwege gelangen können. Auch wird durch den Tubus eine positiv druckkontrollierte Beatmung ermöglicht.

Zwei Alternativen: Larynxmaske und Larynxtubus

  • Larynxmaske: Die Larynxmaske wird vor allem bei kurzen Eingriffen am nüchternen Patienten eingesetzt. Die Larynxmaske sitzt dem Kehlkopf (=Larynx) auf und stellt keinen sicheren Atemweg gegen Aspiration dar.
  • Larynxtubus: Der Larynxtubus findet insbesondere in der Notfall- und Rettungsmedizin Verwendung. Immer dann, wenn eine Intubation in die Luftröhre nicht möglich ist, ist er eine beliebte Alternative. Auch der Larynxtubus kann eine Aspiration nicht sicher verhindern.

Wer von den beiden alternativen Atemwegen ist der Bessere? Ganz einfach: Das dir bekannte System ist das Bessere. So belegen es auch Studien. 🙂

#2: So kommt es meist zur Fehlintubation

Stell dir folgende zwei Szenarien vor: Ein Notarzt intubiert ein Polytrauma an einer stark befahrenen Straße und ein Chirurg intubiert einen Patienten auf Intensivstation. Zwei unterschiedliche Situationen, die aber dieselbe Handlung erfordern. Beide Ärzte müssen einen Patienten intubieren, um den Patienten entweder zu beatmen oder ihn vor einer möglichen Aspiration zu bewahren.

In Fall A nimmt der Notarzt eine präklinische Intubation direkt auf der Straße vor.

Problem des Notarztes: Aufgrund des blutigen Mundraumes des Unfallopfers kann er die Luftröhre nicht von der Speiseröhre unterscheiden, sodass er ganz leicht falsch intubieren könnte.

In Fall B intubiert der Chirurg innerklinisch.

Problem des Chirurgen: Aufgrund seiner fehlenden Erfahrung kann auch er ganz leicht seinen Patienten fehlintubieren.

In beiden Fällen landet der Beatmungsschlauch im Ösophagus. Wird die Fehlintubation nicht sofort erkannt, kann das schwerwiegende Folgen haben.

Schwerwiegende Folgen der Fehlintubation

Pro Beatmungshub werden bei Fehlintubation ca. 300-400 ml Luft in den Magen gepumpt. Die meisten Ärzte beatmen nach Intubation ihre Patienten mindestens 4-5 Mal hintereinander, da sie den Patienten sofort fälschlicherweise auskultieren. Mit jedem Beatmungshub wird also noch mehr Luft in den Magen befördert. Warum du nicht gleich nach der Intubation auskultieren solltest, erfährst du weiter unten!

Die viele Luft im Magen führt nun dazu, dass die Vena Cava (= untere Hohlvene) durch den aufgeblähten Magen abgedrückt wird. Nun kommt es zur Einfluss-Stauung beim Herzen und zum kardiogenen Schock mit Herz-Kreislauf-Stillstand.

#3: Vier Intubationszeichen: 3 unsichere und nur 1 sicheres Zeichen, das zählt

Unsichere Zeichen:

  • Sehen: Es zählt nicht, was du siehst bzw. mit deinen Augen kontrollierst. Auch wenn du sagst: „Ich habe es gesehen und sicher richtig intubiert!“, ich muss dich leider enttäuschen: das zählt nicht als sicheres Intubationszeichen!
  • Hören: Es zählt auch nicht, wenn du die Lunge mit dem Stethoskop auskultierst. Denn: Wenn du vermeintliche Atemgeräusche hörst, bedeutet das nicht, dass die Lage des Tubus passt!
  • Beschlagener Tubus: Es zählt nicht, wenn der Tubus von innen beschlägt. Denn es kann sein, dass Dunst und Wärme aus dem Magen aufsteigen.

Sicheres Zeichen:

MERKE: Es gibt für dich nur 1 sicheres Intubationszeichen: du musst CO2 messen können! Das Gerät, das das kann, heisst Kapnometrie.

(Zur Vollständigkeit: solltest du innerklinisch eine Fieberoptik besitzen und damit die Tubuslage prüfen, indem du die Fieberoptik in den Tubus einführst, kann das Erkennen der Bifurkation und der Trachealringe ebenfalls als sicheres Intubationszeichen gewertet werden.)

So überprüfst du den endexspiratorischen CO2-Gehalt deines Patienten

Um zu überprüfen, ob dein Patient CO2 ausatmet, benötigst du ein Kapnometer. Beachte dafür aber diese zwei Punkten:

  • Rechtzeitiges Einschalten des Kapnometers: Schalte das Gerät rechtzeitig ein. Es benötigt 1-2 Minuten, um einsatzbereit zu sein.
  • Testen des Kapnometers: Gehe sicher, dass das Gerät funktioniert. Dazu bläst du selbst in das Kapnometer. Wenn es funktioniert, wird dir ein CO2-Gehalt größer 30mmHg angezeigt und du kannst sicher sein, dass das Gerät nun einsatzbereit ist.

Kaputtes Kapnometer vs. Fehlintubation: Was ist wahrscheinlicher?

Das Kapnometer ist ein sehr stabiles Gerät. Wenn bei deinem Patienten kein CO2 angezeigt wird, liegt es zu 99,9% nicht am vermeintlich kaputten Gerät, sondern an einer Fehlintubation. Viele Mediziner gestehen sich leider nicht ihren Fehler ein, falsch intubiert zu haben. Das kostet aber wertvolle Zeit!

#5: Wie erkennst du eine Fehlintubation?

Wir nehmen an, du hast eben nach bestem Wissen und Gewissen den Tubus eingeführt. Wie kannst du nun sicher sein, dass die Tubus-Lage passt? Ganz einfach: mache einen einzigen Beatmungshub, warte 5 Sekunden und prüfe, ob CO2 kommt. Wenn kein CO2 kommt, dann entferne den Tubus JETZT.

Warum sollst du nicht gleich nach der Intubation auskultieren?

Ganz einfach: Als Anästhesist kann ich dir sagen, warum man eigentlich auskultiert: du möchtest wissen, ob du seitengleich belüftest und NICHT wie viele meinen, ob man richtig intubiert hat. Die Auskultation zählt nicht zu den sicheren Intubationszeichen, wie du oben schon gelesen hast.

#6: Fehlintubation dank CO2 Monitoring erkannt: Was nun?

  1. Schnelles Handeln: Nach dem 1. Beatmungshub kommt kein CO2? Dann entferne den Tubus JETZT.
  2. Tubus raus, Magensonde rein: Entferne den Tubus und sauge möglichst viel Luft mit einer Magensonde aus dem Magen ab.
  3. Versuche deinen Patienten mit der Maske zu beatmen oder denke an alternative Atemwege oder erwäge einen 2. Intubationsversuch.
  4. Kreislaufzustand kontrollieren: Kontrolliere auch den Kreislaufzustand deines Patienten. Falls zuviel Luft in den Magen geraten ist, kann es sein, dass dein Patient drucklos geworden ist. In diesem Fall beginne mit den Wiederbelebungsmaßnahmen.

Ich bin ehrlich zu dir: Auch mir sind schon viele Fehlintubationen passiert. Während meiner Zeit als Oberarzt, waren das mit Sicherheit 8 bis 10 Fehlintubationen pro Jahr. Wenn es passiert, ist es kein Problem. Es wird erst zum Problem, wenn du den Fehler nicht erkennst oder ihn dir nicht eingestehst! Denn dann schmelzen die Überlebenschancen deines Patienten dahin.

Fazit: Patientenleben voranstellen und eigenes Ego zurücknehmen

Wie du in diesem Beitrag gesehen hast, kann eine Fehlintubation auch den erfahrensten Ärzten passieren. Das ist keine Schande. In solch einem Fall ist es nur wichtig, den Fehler zu erkennen und sich auch diesen einzugestehen.

Leider geschieht Letzteres nicht immer. Daher ist es wichtig, dein eigenes Ego zurückzuschrauben und das Leben deines Patienten voranzustellen.

Ich kenne auch das Gefühl, wenn dir 3 erfahrene Sanis über die Schulter schauen und es dir peinlich ist, den Tubus wieder rauszuziehen. Hier gibt es nur eines zu sagen: Steh drüber! Rette den Patienten!

Eine wichtige Grundregel, die ich dir noch ans Herz legen möchte: In doubt take it out! Das bedeutet: Wenn du dir nicht sicher bist, ob du den Tubus richtig gelegt hast, dann nimm ihn wieder raus.

Nach all der Theorie möchtest du nun auch vielleicht praxislastig trainieren können, wie man einen Patienten richtig intubiert und wie man schwierige Atemwege sichern kann?

Wir können dir dazu das Atemweg-Symposium empfehlen. Auf diesem kannst du ganze 2 Tage lang deine Atemweg-Fertigkeiten im Kleingruppen-Unterricht üben. Für mehr Informationen, klicke einfach auf nachfolgenden Link oder den unteren roten Button: https://simulationtirol.com/atemweg-symposium/

Ja, ich will meine Atemweg-Skills verbessern!

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